„Don´t tell them it´s a transformation!“ - GXN in Wien

Im zweiten Teil der aip-Veranstaltung in der Libelle am 15. September hatten wir Aleksander Guldager Kongshaug von GXN aus Kopenhagen zu Gast. GXN ist die Forschungs- und Consultingabteilung vom weltweit operierenden Architekturbüro 3XN und verbindet Architektur, Forschung und Design, um kreislauforientierte und regenerative Lösungen für Bauprojekte zu entwickeln. In seinem Vortrag „The Resourceful Leap - regenerative architecture through local resources and collective knowledge“ berichtete Aleksander Guldager Kongshaug über aktuelle Projekte von GXN zur CO2-Reduktion und zirkulärem Umbau. Der kreative Sprung (“The Resourceful Leap”) zur klimaneutralen Umweltgestaltung kann nur mit interdisziplinären Ansätzen und einem breit aufgestellten Team gelingen.

Auf der Biennale in Venedig zeigten 3XN/GXN Fassadenplatten aus zerkleinerten Muschelschalen, die schlanker und widerstandsfähiger sind, wie herkömmliche Fassadenverkleidungen. Und auch ein Bio-Beton wurde vorgestellt. Anstatt Kalkstein unter extrem hohem CO₂-Ausstoß in Brennöfen bei 1450 °C zu Zement zu brennen, wurde die Kooperation von Bakterien und Nährlösungen bei Umgebungstemperatur genutzt. Zerkleinerter Korallensand aus Küstengebieten wird mit speziellen, ungiftigen Bakterienkulturen vermischt und mit Nährlösungen „gefüttert“. Daraus wachsen in den Zwischenräumen der Sandkörner kristalline Verbindungen. Nach wenigen Tagen entsteht ein superfester, gesteinsartiger Block – komplett ohne Hitze.

Um den „Umbau“ zu ermöglichen ist aktuell viel an Grundlagenforschung notwendig. So schnitten GXN beispielsweise in London Segmente aus Deckenplatten in leerstehenden Hochhäusern aus dem 1970er Jahren heraus, um deren Tragkraft zu testen und entwickelten ein Konzept, um im Hochhausturm zum Teil zweigeschossige Räume zu ermöglichen. Auch die Transformation von Wohngebäuden  aus den 1960er Jahren wurde in Dänemark untersucht. Wie können Betonelemente herausgeteilt und wieder zu zeitgemäßen Bauwerken zusammen gesetzt werden?

Knowhow, dass 3XN auch einen Wettbewerbsgewinn für den 206m hohen Quay Quarter Tower in bester Lage in Sydney einbrachte. Während der Auslober den Abriss des unattraktiven Büroturms von AMP-Capital aus den 1970er Jahren sowie einen Neubau vorsah, punkteten 3XN beim Wettbewerb, weil sie als einzige den Stahlbetonkern des Bestandes erhalten wollten. Ein Jahr lang mussten sie nachweisen, dass sie damit ein Jahr schneller eröffnen könnten, neben der Vermeidung einer enormen Umweltbelastung durch einen kompletten Abbruch insgesamt über 12.000t CO2 einsparen würden und dennoch eine Verdoppelung moderne Nutzungsflächen erreichen würden. Und sie würden sogar unter dem prognostizierten Budget blieben. Das überzeugte die Investoren, aber sie bestanden darauf keinesfalls zu veröffentlichen, dass es sich um eine Transformation des alten 70er-Jahre-Baus handeln würde, weil sie fürchteten, dass das nachteilig für die Verwertung wäre. 2025 wurde der „neue“ Quay Quarter Tower (wieder)eröffnet und seither hagelt es internationale Auszeichnungen für das klimafreundliche Leuchtturmprojekt. Die Prognosen der Planerinnen hatten gehalten und jetzt hat sich die Argumentation gedreht und der Bauträger wirbt mit klimafreundlichem Ambiente. Das wiederum zeigt, dass innovative, interdisziplinäre Planungsteams sehr wohl die Möglichkeit haben ein gesellschaftliches Umdenken (auch bei profitorientierten Investoren) zu erreichen. Transformation braucht Überzeugungsarbeit und ist die Zukunft!

Die Handlungsmächtigkeit von Architekturschaffenden…

Laut aktueller Gesundheitsstatistik sind in der Sommersaison 2026 an die1000 Menschen an den Folgen der Hitzewellen und damit des Klimawandels verstorben. Im Vergleichszeitraum starben österreichweit 81Menschen im Verkehr. Ein wesentlicher Treiber der Klimaerwärmung sind die CO2-Emissionen, für die die Bau- und Immobilienwirtschaft zumindest für 38% verantwortlich ist. Als Architekturschaffende trägt man dafür nicht nur Mitverantwortung, man hat auch die Expertise, um diesen negativen Entwicklungen aktiv entgegenzuwirken. Wie genau wurde im Rahmen der Agora für baukulturellen Veränderung am 15.September in der Libelle im MQ erörtert. 

Fabian Wallmüller berichtete über zahlreiche Aktivitäten der ig-architektur, wie beispielsweise „Leerstand nutzen“ im Rahmen dessen auch ein konkreter Forderungskatalog erarbeitet wurde. Er plädierte für eine noch stärkere Vernetzung von Architektur-Initiativen, Bauwirtschaft und Interessensvertretung, um gemeinsam die notwendigen, politischen Rahmenbedingungen zu erreichen.

Christian Stelzer von Architects For Future wiederum übte Kritik an der etablierten Architekturszene, die aus wirtschaftlichen Gründen jahrzehntelang zu betoniert, asphaltiert und mit Stahl, Alu und Glas gebaut hätte, als gäbe es kein Morgen und damit eine Mitschuld an der Klimamisere trage. „Und unsere Generation darf wieder wegräumen, was die Vorgängergeneration hinterlassen hat! Herzlichen Dank dafür!“ Seine Generation trete dafür ein weniger zu arbeiten und mehr zu demonstrieren – und das länderübergreifend.

Spannend auch die Impulse von HABITAT2030 von Katharina Kothmiller-Chorherr und Markus Zilker, die das Argument „Wir Architekt:innen müssten machen was die Investoren und Bauträger als Auftraggeber in enge finanzielle Rahmen pressten“ relativierten. Denn Habitat 2030 hat mittlerweile über 50 Bauprojekte in Bezug auf ihr CO2-Equivalent untersucht und faktenbasierte Strategien entwickelt, die auch in die Ausrichtung der künftigen OIB 7 -Richtlinien einfließen sollen. Sie sehen sich als breiten Zusammenschluss von Planer:innen, Bauträger:innen, Bauwirtschaft und Forschung, also „out of the architect´s bubble“ und engagieren sich für eine gesellschaftliche Veränderung, die über klimaneutrales Bauen hinaus geht. „Wir Architekturschaffende sind handlungsmächtiger, als oft behauptet wird“, so Markus Zilker. Mit konkreten Lösungsansätzen könne man Auftraggeber davon überzeugen, klimaneutrale Projekte gemeinsam umzusetzen, die auch wirtschaftlich erfolgreich sind. Daher wird gemeinsam mit Bauträgern, Bauwirtschaft und Bauindustrie interdisziplinäres Knowhow für konkrete Lösungen entwickelt, um den kreativen Sprung zur Transformation der (Um)Baukultur im Rahmen unserer planetaren Grenzen zu schaffen.

Gemeinsamer Tenor der Diskussion war, dass Architektur bzw. Baukultur ein zähes Ringen um gesellschaftliche Veränderung seien. Die sozial gerechte und klimaneutrale Gestaltung unserer Lebensräume betrifft alle Menschen. Daher seien der Austausch und die Bündelung der Initiativen wichtig. Noch weiter darüber hinaus gelte es gemeinsam mit breiten, medialen Plattformen, Politik und Bürger:innen den Umbau voranzutreiben. Die einzige Konstante ist die Veränderung! Wir Danke Bettina Leidl und ihrem Team vom MQ für die Zurverfügungstellung der Libelle als Agora der Bauwende!

Di, 15. September 2026, 19h
“collective knowledge” - The Resourceful Leap
Aleksander Guldager Kongshaug, GXN/3XN, Kopenhagen
Libelle MQ, 1070 Wien

 

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