paraCITY

„Republic the space!” Die internationale Architekturplattform paraCITY startete im Juni von Wien aus ihren Weg in die ganze Welt! Durch die Umsetzung experimenteller Architekturobjekte und deren Bespielung im öffentlichen Raum werden „vergessene Plätze“ und brachliegende Flächen als Orte der Begegnung wieder bewusst gemacht. Darüber hinaus versteht sich paraCITY als Kontrapunkt zur realitätsfernen Architekturausbildung.

Ende Juni am Yppenplatz in Wien Ottakring: Ein paar Tomaten am Boden und unzählige leere Steigen zeugen noch vom regen Treiben am Brunnenmarkt – Europas größtem Straßenmarkt, wie mir stolz die Herren vom Marktamt versichern. Die tief stehende Sonne taucht die umliegenden Häuserfronten in goldgelbes Licht und es duftet nach frischem, türkischem Kaffee. Irgendwie hat man das Gefühl gar nicht in Wien zu sein. Vor mir drängt eine Horde Kinder aufgeregt und laut artikulierend zum Zentrum des Yppenmarktes. Ich folge ihnen. Als ich um die Ecke eines leer stehenden, schon etwas baufälligen Marktkiosks biege erhebt sich vor mir ganz unvermittelt eine 100m² großen Holzplattform, die über eine geschwungene Rampe erschlossen wird. Kühn auskragend und in einer Höhe von ca. drei Metern nur durch einige wenigen Holzstützen getragen, schwebt diese über dem Boden – ja sie fliegt geradezu.

Zur ebenen Erde unterhalb der Plattform als überdachter, öffentlicher Bereich genutzt, sorgen ein hinterleuchtetes Barelement und eine futuristisch anmutende, aufblasbare Möblierung für eine stimmungsvolle Atmosphäre. Multifunktionell für Events, Architekturveranstaltungen oder als Chilloutzone nutzbar. Von hier aus kann auch das Kugelkino verfolgt werden, ein überdimensionaler, weißer Ball auf welchem Kurzfilme junger MedienkünstlerInnen gezeigt werden. Eine Etage höher wölbt sich über dem „fliegenden Holzteppich“ eine Holzleichtbaukonstruktion, die durch rosa, transluzente Pneus ausgesteift und als „Wohnzone“ genutzt wird. Im abendlichen Licht erstrahlt diese große „rosa Wolke“ als Signal, dass weithin über die Dächer des Marktes sichtbar ist. Einen ganzen Monat lang haben 18 StudentInnen der TU-Wien im Rahmen des Lehrmoduls „Experimenteller Hochbau“ geschwitzt und geschuftet, um dieses experimentelle Bauwerk eigenhändig zu errichten. Bereits zuvor wurde mit Unterstützung des Lehrgangsleiters Ass.Prof. Manfred Berthold an einem gemeinsamen Design gefeilt. Für die pneumatische Konstruktion zeichnete Peter Michael Schultes verantwortlich, der den StudentInnen neben seinem einzigartigen Knowhow auch sein Studio als Laborwerkstatt zur Verfügung stellte. Mit Hilfe von Prof. Wolfgang Winter und seinem Team vom Institut für Tragwerkslehre und Holzbau wurde die innovative Holzkonstruktion aus geschwungenen Leimbindern statisch optimiert und auf ihre Realisierbarkeit überprüft.

Normalerweise enden spätestens an diesem Punkt solche Studentenprojekte als flotte Renderings in der universitären Schublade. Nicht so bei paraCITY, wo der Prozess und die Umsetzung ebenso wichtig sind, wie das Objektdesign selbst. Die StudentInnen mussten eine kleine Holzwerkstatt am Yppenmarkt einrichten, Sponsoren bezirzen und diverse Baumaterialien organisieren. Dabei konnten sie die Höhen und Tiefen eines realen Projektes durchleben. Zuerst Lieferschwierigkeiten beim Holz, dann musste ein Baugerüst erst von einer anderen Baustelle abgebaut werden und als Material nicht rechtzeitig geordert wurde stand die ganze Baustelle.

Dazu kamen noch die Unbillen des Juniwetters, die den Fertigstellungstermin ordentlich ins Wackeln brachten. Auch die budgetäre Situation war mehr als eng, denn die Unterstützung der Stadt Wien für ein derartiges Pilotprojekt im öffentlichen Raum ist bis dato ausgeblieben – soviel zum „ Jahr der Architektur“! Durch das enorme Engagement der drei Studienassistenten, die sich so wie ihre StudienkollegInnen voll in das Projekt einbrachten, ist es schlussendlich doch gelungen mit einem Arbeitsaufwand von über 4000 Arbeitsstunden eine kleine Sensation am Yppenmarkt zu errichten. Zugegeben ein Kraftakt, aber die Vision am Computer wurde 1:1 umgesetzt. Und aus StudentInnen wurden kurzfristig HandwerkerInnen.

Natürlich sind derartige Projekte ohne die Unterstützung der Nachbarschaft kaum möglich und diese war am Yppenmarkt dankenswerterweise groß. Es galt auch das Projekt den AnrainerInnen und PassantInnen zu vermitteln, eine Hundertschaft von Kindern durch Einbindung in Schach zu halten und die behördlichen Auflagen kreativ zu erfüllen. Umso größer war der Zuspruch aus der Anwohnerschaft, die stolz war, dass ausgerechnet in ihrer Nachbarschaft ein so innovatives Projekt für „frischen Wind“ sorgte.

Der Marktstandler und der Kebabverkäufer sahen diese temporäre, zeitgenössische Architektur gleichermaßen als Aufwertung ihres Lebensraumes. Und vielfach wurde der Wunsch geäußert diese auf einen Monat beschränkte Intervention doch für längere Zeit am Yppenplatz verbleiben zu lassen. Durch die Implementierung experimenteller Architektur ist es fernab akademischer Elfenbeintürme gelungen der Bevölkerung sehr anschaulich einen neuen Bezug zum Ort herzustellen. Die Kommunikation im und über den öffentlichen Raum regt auf und an und stimuliert die Phantasie potentieller Nutzergruppen. Temporäre Raumangebote schaffen Nachfrage und aktivieren dadurch die Anwohnerschaft. Unterstützt wurden dieses ambitionierte Projekt auch durch KollegInnen aus Frankreich.

Unter der Leitung von Prof. Nicola Borg Pisani, der gemeinsam mit architektur in progress aus Wien Initiator von paraCITY ist, nahmen die École d'Architecture Val de Seine Paris und die École Nationale Supérieure de Création Industrielle (Prof. Claire Petetin und Prof. Philippe Gregoire) an der Belebung des Yppenplatzes teil.

Bereits in Paris wurden mobile Elemente vorbereitet, die dann per LKW nach Wien transportiert und Vorort aufgebaut wurden. Wohnen, Arbeiten, Essen und kulturelle Interventionen fanden in der „Auslage der Öffentlichkeit“ statt. Als Teil einer Deprogrammierungsstrategie wurden fahrbare und individuell veränderbare „paraBOXEN“ entwickelt. Nicht die DesignerInnen, sondern die NutzerInnen konnten die Funktion bestimmen. Mit den Boxen konnten neue Territorien kreiert werden. Selbstbestimmt und an den unterschiedlichsten Orten nutzbar. Die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Raum sollte neu definiert werden. Um dies zu unterstützen wurde den AnwohnerInnen des Yppenviertels ein „DeprogrammingKIT“ zur Verfügung gestellt. Das mobile und multifunktionale „WATERLAB“ ermöglichte unter Anderem das Duschen mitten auf der Piazza. Und das „EATLAB“, eine Art mobile Straßenküche, stellte das Thema Essen in eine neue, räumliche Situation und regte an kreative Konzepte des Kochens für den öffentlichen Raum zu entwickeln.

Das paraCITY-Architekturfestival wurde durch Aktionen der Wiener Gruppen AWG, feld 72, eisvogel. und querkraft, sowie von map-office aus Hongkong und vom Objektkünstler Norbert Brunner begleitet. Als „network in progress“ wird paraCITY 2006 in Paris stattfinden. Für 2007 ist eine Realisierung in China vorgesehen. 

Team paraCITY: Arobas Ricky, Banfi Roberto, Berthold Manfred, Borg Pisani Nicola, Carteron Rèmi, Crequer Karen, Daune Francois, De Almeida Daniella, Dienst Volker, Dizdarevic Jasenka, Dona Magdalena, Duller Florian, Fleiss David, Girsch Gerhard, Gregoire Philippe, Grosperrin Nicolas, Guingand Ariane, Haidamous Maya, Herbert Sandrine, Hirche Lena, Kaya Elif, Kietzman Norman, Simon D’Henin, Kog Ayse, Lelièvre Jean, Obwegeser Anna, Paradeise Olivien, Petetin Claire, Prioul Enora, Proton David, Richard Aude, Tardy David, Vielfaure Anais, Villarreal Vargas Hector, Rebernjak Zvjezdana, Sagl Judith, Schultes Peter Michael, Smajic Elmir, Sohm Michael, Vancova Zuzana, Waldmayer Florian, Weber Gerulf, Winter Wolfgang, Yoshiaki Amino, Yuekseltan Murat, Zibuschka Matthias